Consulting, deconstructed
„Eine Frage noch: Bist du zufällig auch Business Angel?“
Das abendliche Netzwerk-Treffen* am Hafen in Münster war eigentlich schon weitgehend vorbei, als mir mein Gesprächspartner der vorhergegangen runden Stunde diese Frage stellte. Ich hielt kurz inne.
Ich lachte. „Nein. Ich bin einfach selbständiger Werbetexter.“
Und dachte: „Moooment. Ja, das bin ich, klar. Aber könnte ich nicht auch noch was anderes sein?“
Zack. Ideen erwischen einen ja oft ohne jede Vorwarnung. Weshalb ich an dieser Stelle ausdrücklich eine gebe: Was jetzt folgt, ist viel ernster gemeint (und gedacht), als es zunächst klingen wird.
Le ROI est mort
Auf der Fahrradfahrt nach Hause dachte ich weiter über die Frage nach. Was ein Business Angel ist und macht, wusste ich: Kapital in Unternehmen und vor allem Startups investieren. Und diese darüber hinaus auch mit Beratung und Coaching unterstützen. Mit dem Ziel, davon finanziell zu profitieren – also eine Kapitalrendite (ROI) zu erwirtschaften.
Aber ich habe kein Investitionskapital. Und kein Coaching-Zertifikat. Und keine Ahnung von Kapitalrendite und diesen ganzen anderen betriebswirtschaftlichen Konzepten. Also kann ich kein Business Angel sein.
Und doch: Die Wörter „Beratung“ und „unterstützen“ setzten irgendwas in mir in Gang. Eine Frage formte sich, fing an zu glühen und leuchten und loderte plötzlich in tiefrot flackernden Buchstaben vor meinem geistigen Auge auf:
Könnte ich vielleicht ein Business Devil sein?
😈
Vive le MOI!
Nach kurzer Recherche wurde mir klar, dass Business Devils kein besonders gutes Image genießen. Sie haben „keine guten Absichten“, las ich, sie sind „schwarze Schafe“, agieren „teuflisch“, nutzen die finanzielle Abhängigkeit ihrer Schützlinge aus, fokussieren sich auf ihre „persönlichen Vorteile“. Man sollte sie vermeiden und von ihren engelsgleichen Gegenstücken unterscheiden lernen.
Mein Interesse wurde immer größer.
Ich dachte weiter.
Ein Engel, der großzügig Geld und guten Rat verteilt? No way. Das bin ich nicht. Scheitert schon daran, dass dann ja auch „großzügig Geld“ zum Verteilen da sein müsste.
Wobei: Guten Rat habe ich schon oft verteilt. Im „Business“. Ohne es konkret als guten Rat zu meinen oder zu empfinden.
Zum Beispiel (ganz neutral und schematisch): Ich bekomme ein Briefing. Lese es gründlich durch. Mir fallen ein paar Sachen auf. Fragen formen sich im Kopf. Ich könnte jetzt einfach anfangen, das Briefing abzuarbeiten – aber stelle dann doch erstmal meine Fragen. Und erhalte das Feedback: „Oh. Ja. Stimmt. Da müssen wir erstmal nachfragen / dieses und jenes klären / grundsätzlich alles nochmal infrage stellen. Fang erstmal nicht an!“ Kurze Zeit später: Job abgesagt wegen offensichtlicher Sinnlosigkeit / fehlender Antworten / unbeseitigter Unklarheiten.
Tja. Hätte ich einfach den Mund gehalten, meine Bedenken für mich behalten und den Job bearbeitet, hätte ich abrechenbare Stunden generiert und einen entsprechenden finanziellen Vorteil für mich erwirtschaftet. Aber dann hätte ich mit Sicherheit das Gefühl gehabt: Oh, das war aber teuflisch von mir!
Doof, oder?
Oder … ist es vielleicht sogar ein nützlicher Wesenszug von mir, in solchen Fällen den Mund nicht halten zu können?
🔥🔥🔥
Kompetenz ex negativo
Man stelle sich vor, ich biete das offiziell als buchbare Leistung an: dass ich meinen Mund nicht halte. Dass ich sage, was ich denke. Was ich von etwas halte. Wie ich etwas bewerte – aus meiner Sicht. Also aus Sicht des Business Devils Tim Stelzer.
Warum das nützlich sein könnte?
Wahrscheinlich, weil ich bestimmte Dinge kann und weiß.
Aber viel vorteilhafter für meine Arbeit als Business Devil erscheinen mir Dinge zu sein, die ich nicht kann und nicht weiß.
Also wären das meine USPs:
• keine Coaching-Ausbildung
• kein BWL-Studium
• kein McKinsey-Alumnus
• kein Duzfreund von Roland Berger
• kein Social-Media-Management-VHS-Diplom
• kein Dialog „auf Augenhöhe“ (es sei denn, Sie sind auch 1,90 m groß)
• keine Consulting/Power/Purpose-Phrasen
• kein Abnicken von Sachen, die ich eigentlich gar nicht kapiere
• keine PowerPoint-Präsentationen
• kein wortreiches Rumgelaber (ich bin gebürtiger Friese und Wahl-Westfale)
• keine Bullet-Point-Exzesse (ups!😁)
Und ein passendes Visual für die Erweiterung meiner Website um einen neuen Geschäftsbereich habe ich auch schon:

„Gestatten: Tim Stelzer, Werbetexter und Business Devil“
„Gestatten?“ Viel zu höflich. Als Business Devil bin ich ja ein Cousin des Devil’s Advocate, für den das Cambridge Dictionary diese schöne Definition anbietet:
„someone who supports an opposite argument or one that is not popular in order to make people think seriously“
Think seriously! Eat that, Apple!
Unpopuläre Gegenargumente unterstützen, das klingt doch super. Was mich zu den fünf Powersätzen führt, die ich als Business Devil (wahrscheinlich) nie sagen würde:
- „Sie wollen doch eigentlich gar keine neuen Follower auf LinkedIn. Sie wollen, dass LinkedIn abgeschaltet wird und wir alle wieder zur Besinnung kommen.“
- „Natürlich können Sie Ihre ganzen Texte ab jetzt von einer KI schreiben lassen, gerne, super. Ich übernehme dann im Gegenzug Ihre Lohnbuchhaltung – ok?“
- „Warum fragen Sie das alles eigentlich mich? Sollten Sie das nicht besser die Leute fragen, die sich damit auskennen? Also Ihre Mitarbeitenden?“
- „Was ich Ihnen biete, ist eine unvoreingenommene, neutrale Perspektive von außen. Und nach dem ersten Blick kann ich Ihnen schon mal das spontane Feedback geben: WTF???“
- „Wittgenstein hat definiert: ‚Die Welt ist alles, was der Fall ist.‘ Aber Ihre Welt scheint mehr so alles zu sein, was der Fallstrick ist.“
Aller Anfang ist Care
Klingt besser als „Who cares?“, oder? Ich muss ja irgendwie eine Zielgruppe für mein Angebot definieren. Und ansprechen. Wenn ich das hier wirklich so ernst meine, wie es mir gerade erscheint. Wer könnte sich also für die Leistungen von Tim Stelzer, Business Devil interessieren? Und von welchen Leistungen sprechen wir hier überhaupt?
• Ein „No-Bullshit“-Briefing-Check, in dem ich die internen Vorbereitungen größerer (werblicher/schriftlicher) Kommunikationsprojekte prüfe und optimiere?
• Ein Kommunikations-Audit, in dem ich die (werbliche/schriftliche) Kommunikation von Startups und KMUs prüfe, kommentiere und die Grundlagen einer Optimierung entwickle?
• Ein Marketing-Prozess-Review, mit der ich interne Kommunikations-Strukturen im Bereich des Marketings begleite, bewerte und Ideen für ihre Optimierung entwickle?
Der Rest ist Schreiben
Es gibt offenbar noch viel zu (be)denken. Seriously. Ich mache gleich damit weiter. Wer jetzt aber schon einen serious Gedanken dazu hat und ihn mir mitteilen möchte, darf dafür gerne meine neu eingerichtete E-Mail-Adresse nutzen:
Ich freue mich über Feedback, Ideen, Anregungen, flammende Gegenreden und natürlich auch über spontane, unvernünftige Buchungen – alles ist drin!
Bis bald!
*Wie ich von dem Event erfahren hatte und was ich da sonst noch so erlebt habe (Spoiler: war ein rundum gelungener Abend mit mehreren sehr guten Gesprächen), ist eine Geschichte für sich. Erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.
