47 NICHTS VERBASSEN

”LIEBER NICHT SCHRAUBEN ALS FALSCH?!?”

Eigentlich wäre jetzt der dritte und letzte Teil meines Berichts von der Messe bei Musik Produktiv dran gewesen. Aber dann begegnete mir vor ein paar Tagen ein Satz, der mich doch sehr zum Grübeln brachte. Ich habe ihn oben in einer an mein Thema angepassten Variante als Überschrift eingesetzt. Und mache mir heute mal ein paar Gedanken dazu.

Vor ein paar Wochen hatte ich ja schon etwas Grundsätzliches über die verschiedenen positiven Auswirkungen geschrieben, die mein Bassschraub-Projekt bereits auf mich hatte. Darin formulierte ich zum Beispiel auch diese Erfahrung bzw. Erkenntnis: Wenn ich meine Angst überwinde, werde ich dafür belohnt.

Schließlich bin ich handwerklich so unerfahren und untalentiert (was ich an verschiedenen Stellen des Projekts ja auch unter Beweis gestellt habe), dass das Ergebnisein wunderschön aussehender und sehr gut klingender Precision Bass – keinesfalls garantiert war. Es hätte auch schief gehen können. Im wahrsten Sinne des Wortes: Wenn beim Zusammenschrauben irgendetwas falsch gelaufen wäre, hätte das große Auswirkungen auf die Qualität des Instruments haben können. Sowohl optisch als auch akustisch. Zum Beispiel durch einen miesen Halswinkel, eine an falscher Stelle montierte Brücke, schiefe und nicht fest sitzende Stimmmechaniken – und, und, und.

Natürlich habe ich versucht, möglichst viele dieser potenziellen Probleme im Vorfeld auszuschließen – oder das Risiko zu minimieren, dass etwas schief geht. Ich habe die meisten Bohrungen, zum Beispiel für die Brücke, bei BassLine mit dem Body mitbestellt. Und habe dafür auch mit Martina Ziesemann von BassParts.de gesprochen und verhandelt, was da möglich und sinnvoll ist. Als ich Bedenken äußerte, weil nicht alle Bohrungen im Vorfeld von BassLine sinnvollerweise erledigt werden konnten, schrieb mir Martina Folgendes:

”Die Bohrungen für Straplocks und Brücke können wir Dir machen. Die Bohrungen für’s Pickguard machst Du besser selber wenn Du den Bass zusammengebaut hast. Das kriegst Du hin ! ;-)”

Das fand ich beruhigend. Aber ich hatte auch Angst und fragte mich, ob ich das wohl einigermaßen sauber hinkriegen würde. Denn wie das laufen würde, würde ich ja erst erfahren, wenn ich es auch tatsächlich mache.

Lieber schrauben? Oder nicht?

Vielleicht hat mich dieser Satz (siehe ganz oben) deshalb so angestochen. Man stelle sich mal vor: Wochenlang habe ich mir Gedanken über mein Schraub-Projekt gemacht. (Wobei die Vorüberlegungen und der Wunsch, so etwas zu machen, schon sehr viel länger bei mir im Kopf herumschwirrten.) Dann wurde es konkret, ich habe Listen mit Teilen erstellt, unterschiedliche Optionen erkundet, verglichen, verworfen, neu überlegt und versucht, dabei das große Ziel im Blick zu behalten: meinen Wunsch-Bass.

Ich habe andere Personen in diese Überlegungen eingebunden. Um Rat gefragt. Manches klang ermutigend, manches irritierte mich. Oder machte mir sogar Angst. Es gab auch immer wieder Zweifel: Warum nehme ich nicht einfach mein Schraub-Budget und kaufe mir einen fertigen Bass, zum Beispiel einen echten Fender Preci?

Und nach all diesen Wochen, nachdem ich viel Zeit und auch durchaus einiges an Geld in das Projekt investiert hatte – wie wäre das gewesen, wenn ich dann gesagt hätte: ”Lieber nicht schrauben als falsch”?

Genau. Ziemlich blöd. Denn ich hätte mich um eine wertvolle Erfahrung gebracht. Indem ich einfach im Vorfeld ausschließe, dass das überhaupt funktionieren kann, schließe ich nämlich auch die andere Möglichkeit aus: Dass es ganz anders läuft. Besser, als meine Angst und meine Bedenken es mir einreden wollen. Vielleicht sogar so gut, dass ich sehr glücklich mit dem Ergebnis bin – und mit meinem Weg dahin.

Und überhaupt: Ist es denn so schlimm, auch mal etwas falsch zu machen? Ist es dann wirklich besser, gar nichts zu machen? Was für eine traurige Philosophie, was für eine fatalistische Grundeinstellung zum Leben, dem Universum und dem ganzen Rest motiviert mich denn zu so einem Satz: Lieber nicht als falsch!

Meine Güte. Was man dann alles verpasst! Es ist unfassbar. Zum Beispiel verpasst man vollkommen, sich weiterzuentwickeln. Sich selbst zu überraschen. Sich über Grenzen zu bewegen, die eigentlich unüberwindbar erschienen. Eine wertvolle Erfahrung. Und überhaupt: Es ist immer eine Frage der Perspektive (und der Haltung), ob ich etwas als ”falsch” oder ”Fehler” oder eben nicht so negativ werte. Als ich als Jugendlicher Jonglieren lernte, bekam ich dazu einen sehr weisen Satz gesagt:

”Wenn die Bälle auf den Boden fallen, ist das ein Zeichen dafür, dass du lernst.”

”Lieber falsch schrauben als nicht.”

So sehe ich das. Und selbst, wenn wirklich alles schief gelaufen wäre, ich die Bauteile versaut und keinen nach meinen Vorstellungen funktionierenden Bass zustande gebracht hätte – es hätte mich wahrscheinlich trotzdem weitergebracht. Entweder zur Erkenntnis: ”Ich kann’s wohl wirklich nicht, aber wenigstens habe ich es versucht!” – oder zum Beschluss: ”Jetzt weiß ich besser, wie ich das angehen muss – und probiere es einfach noch einmal!

In Deutschland liegt Heimwerken wohl gerade total im Trend, wie ich gelesen habe. Und immer, wenn ich meinen schönen Schraubbass betrachte oder spiele oder wenn ich aktuelle Nachrichten lese, denke ich: aus gutem Grund.

PS: ”Und bevor du etwas falsch machst, dann mach‘ mal lieber gar nichts.” – Das hörte ich heute früh aus dem Radio im Zimmer meines Sohnes. Auch wenn ich kein Kraftklub-Fan bin: Die Haltung der Band gefällt mir.

 

 

 

 

46 MARLEAUX AGAIN …

Das große Messen (Teil 2)

Wie im ersten Teil berichtet, war mein Besuch der Hausmesse bei Musik Produktiv am 11.11.2017 vor allem von meiner Begegnung mit Gerald Marleaux geprägt. Und von der mit seinen Bässen. Und von der enormen Lautstärke auf der Messe, trotz derer wir uns ein bisschen unterhalten konnten. Auch über mein Bassschraub-Projekt!

Dabei gab es für mich durchaus ein paar Aha-Momente. Ich konnte ein paar Einblicke in Gerald Marleauxs Arbeit und Einstellung gewinnen, die ich sehr spannend fand. Ich fragte zum Beispiel, wie viele Bässe er denn selbst besäße. Er lachte und sagte: ”Vielleicht zwei ….” Er sagte, manchmal nehme er sich einen Bass aus der Produktion, den er dann irgendwie bunt lackiere, damit er als der seine markiert sei. Aber er hat bei seiner Arbeit ja auch täglich die ganze Palette der Marleaux-Modelle in den Händen; der Bedarf an Bässen in eigenem Besitz ist dann wohl nicht so hoch, denke ich.

Ich fragte auch, ob es ihm denn manchmal schwerfalle, ein besonders schönes Exemplar gehen zu lassen. Was der unbedarfte Hobby-Schrauber eben den Profi so fragt …  der dann darauf hinweist, dass er ja davon lebe, die Bässe zu verkaufen. Die ja auch fast ausschließlich auf Bestellung gefertigt werden.

Ich habe dann auch noch den einzigartigen Marleaux Contra testen dürfen. Genau diesen hier:

Ja, richtig, da steht ”8.300 Euro” auf dem Zettel. Ich glaube nicht, dass ich jemals zuvor ein Instrument dieser Preisklasse in den Händen hatte. Aber auch nicht ein so außergewöhnliches. Es sieht nicht nur unglaublich edel aus (auch durch das unglaublich authentische Ageing der Decke, von Gerald Marleaux persönlich ausgeführt), es fühlt sich auch so an. Und klingt auch so. (Zum Nachlesen und -hören gibt’s übrigens einen Test auf Bonedo.de.)

Wie leitet man von so etwas Feinem dann zu meinem bescheidenen Schraubbass-Projekt über? Egal, ich habe Gerald Marleaux einfach davon erzählt – und dabei betont, dass ich geschraubt und nicht mal ansatzweise gebaut habe – und er fand’s gut. Höflicher Mensch eben. 😉

Nein, er fand’s wohl ehrlich gut. Ich erzählte ihm, dass ich die Teile von BassParts.de bzw. BassLine bezogen hatte; Rüdiger Ziesemann kennt er natürlich. Ich beschrieb kurz meine Intention bei dem Projekt und wie es meine Wertschätzung für das, was echte Instrumentenbauer wie er leisten, noch einmal deutlich gesteigert hat. Dann zeigte ich ihm auch ein paar Fotos von meinem Bass, z. B. dieses:

Ihm gefiel der Look und vor allem das Öl-Wachs-Finish. Interessant auch, wie er die Hürden und Probleme, die ich beim Zusammenschrauben hatte, kommentierte. Ich erzählte zum Beispiel vom Sattel und dass ich mich nicht getraut habe, den selbst zu feilen – und lieber den Fachmann rangelassen habe.*

Das konnte er gut verstehen – er lachte und sagte, dass seine Bässe genau deshalb alle einen Nullbund haben. Zum Sattelfeilen habe er nämlich auch keine Lust … 😉

Aber ihm gefiel an meinem Projekt wohl vor allem der emotionale Effekt, den ein DIY-Bass in jedem Fall hat: Die Beziehung zum Instrument hat eine ganz andere und intensivere Qualität, wenn man es selbst gebaut oder zumindest zusammengeschraubt hat. Stimmt voll und ganz.

Liebe zum Leim

Gerald Marleaux hat mir dann auch noch mehr über seine eigene Arbeit und die Feinheiten des Bassbaus bei Marleaux erzählt. Sehr spannend fand ich, wie leidenschaftlich und detailliert er über ein Thema geredet hat, dass mich bei meinem Schraubprojekt überhaupt nicht berührt hat: Leim.

Denn da gibt es wohl erstaunlich viel zu beachten, wenn man Hölzer verleimt. Zum Beispiel Griffbretter mit Basshälsen. Die Schwingungsübertragung zwischen den verleimten Teilen soll schließlich nicht nur gut, sondern exzellent sein. Und wenn man dann bedenkt, dass dies im Bassbau ja nur ein Parameter von ziemlich vielen weiteren ist, die sich alle auf die Qualität des Instruments auswirken, wird mal wieder ganz klar: Für Instrumentenbau auf diesem Niveau braucht man neben Talent auch unendlich viel Geduld, Akribie, Geschick, Erfahrung, Fachwissen – und Liebe.

Ich selbst kann höchstens in der letztgenannten Kategorie punkten. Umso inspirierender, jemanden zu treffen, der all diese Anforderungen (über)erfüllt. Wahrscheinlich hat meine Begeisterung dazu geführt, dass meine Hand beim abschließenden Selfie (konnte ich mir nicht verkneifen) wohl nicht ganz ruhig geblieben ist:

Egal. Ich verließ den Marleaux Messestand mit einem rundum guten Gefühl. Denn mein Schraub-Projekt hat mir zum wiederholten Mal ermöglicht, ein bisschen mehr von der beeindruckenden Welt des Bassbaus kennen zu lernen.  Oder vielleicht sogar zu verstehen.

Und was gab’s noch auf der Messe? Was habe ich letztendlich gekauft? Und welchen weiteren Bass getestet? Mehr dazu im nächsten Teil …

 

*Bei der Verlinkung zur Sattelfeil-Geschichte fiel mir auf, dass ich dort ja auf die Goldenen Blogger hingewiesen hatte. Und nicht genau sagen konnte, wie das mit dem Nominieren funktioniert. Tut es ja auch erst jetzt: Seit ein paar Tagen ist die Nominierungsphase eröffnet – mehr dazu unter http://goldene-blogger.de/#nominieren. Vielleicht möchte ja jemand www-tim-stelzer.de/timschraubtbass vorschlagen? Es gibt offensichtlich die Kategorie ”DIY-Blog” – könnte passen … 😉

 

 

 

45 HALLO, MARLEAUX!

Das große Messen (Teil 1).

Letztes Wochenende fand die Musik Produktiv Messe 2017 in Ibbenbüren statt. Ich war zum ersten Mal da. Und hatte Glück. Zwar nicht bei einer der vielen Gear-Verlosungen, die dort dauernd an jeder zweiten Ecke stattfinden – nein, besser. Sogar viel bässer. (Ich weiß, ich muss mir dieses blöde Wortspiel dringend abgewöhnen. Letztes Mal! Versprochen.)

Am frühen Samstagnachmittag fuhr ich hoch nach Ibbenbüren/Laggenbeck, ist ja nicht weit. Erstaunlich genug, dass ich erst zum zweiten Mal überhaupt den Weg dahin gefunden habe. Mit Glück den Wagen auf dem letzten verfügbarenParkplatz in der anderen Ecke des Gewerbegebiets abgestellt, durch den heftigen Regenschauer zum Haupteingang – holla, GANZ SCHÖN LAUT HIER! Mein alter Gitarren- und Bassfreund Harald wartete schon auf mich, dann kam seine alte Freundin Diana dazu, acht Euro Eintritt – und rein ins Messevergnügen.

Ich hatte mir vorher keinen großen Plan gemacht. Nur einen Messestand wollte ich auf jeden Fall besuchen: den von Marleaux Bass Guitars. Der Name Marleaux war mir schon seit den 90ern geläufig, ich hatte in den einschlägigen Fachmagazinen von den wunderschönen Instrumenten gelesen. Aber Edelbässe waren damals nicht so mein Ding, außerdem hatte ich zu der Zeit den Fokus mehr auf der Gitarre (und spielte Leadguitar in einer Outlaw-Country-Band namens BARN PAIN – gaaaanz andere Geschichte 😉 . Bis vor einigen Jahren dachte ich sogar, dass die Bässe aus Frankreich kommen. Der Name eben.

Aber nein, der Firmenstandort ist im schönen Harz. Als wir Anfang des Jahres planten, die Osterferien im Harz zu verbringen, hatte ich sogar mal kurz gecheckt, wie weit weg unsere gebuchte Unterkunft von der Sägemüllerstraße 37 in Clausthal-Zellerfeld ist. Aber dann kam alles anders – der Urlaub musste abgesagt werden und wir fuhren stattdessen zum Beispiel mal für einen Tag nach Ibbenbüren. Wo mein Schraub- und Schreib-Projekt seinen Anfang nahm. 😉

”WE’RE NOT WORTHY!”

Am Samstag stand ich dann vor dem Messestand 2.33. Und bestaunte ein ganz großes Bass-Kino (im Foto nur unzulänglich wiedergegeben):

Und dann plötzlich eine Stimme von links: ”Willst du mal einen antesten?” Halbe Drehung – und da stand Gerald Marleaux persönlich vor mir. Und ich etwas neben mir. Bei meiner Antwort ging mein erster Impuls ehrlich gesagt zunächst in diese Richtung:

Aber ich hörte mich stattdessen sagen: ”Ja, sehr gerne! Am liebsten einen Viersaiter.” Also nahm Mr. Marleaux den brandneuen Tiuz in die Hand, fragte noch, ob ich mit Kopfhörer oder normal über EICH-Amp & Box (yes!) spielen möchte, und stöpselte den Bass ein. Diesen hier:

Hey, was für ein Bass! Ich hatte bisher selten einen E-Bass dieser Preis- und vor allem Güteklasse in den Fingern. War mir meist zu gefährlich. Man könnte sich ja auf Anhieb in so ein Teil verlieben, und dann will man es kaufen, muss das dann der lieben Ehefrau erklären und dafür gute Argumente finden (”Klar brauche ich unbedingt noch einen achten Bass! Ist doch total sinnvoll!”).

Also spielte ich ein bisschen und versuchte, mich gegen den intensiven Messelärm durchzusetzen. Der Stand gegenüber war übrigens der von Gibson … alles klar? 😉

Ansprache, Klangentwicklung und Sustain waren aber trotzdem als eindeutig überragend hör- und spürbar. Tests des Tiuz in seinen verschiedenen Varianten gibt’s übrigens schon viele – zum Beispiel hier und hier. Und hier. Und auch hier (für die Leser in Fernost).

Die äußerst flache Saitenlage hat mich zuerst etwas irritiert – bin ich nicht gewohnt, bei Bässen habe ich’s lieber ein bisschen höher. Aber man muss dann einfach den Anschlag anpassen und etwas sanfter gestalten, und schon überrascht der Bass mit seiner schnellen Ansprache und einer überaus volltönenden Klangentfaltung. Die mit der ausgefuchsten Elektronik noch umfangreich geformt werden kann – der edle, starke, feine, drahtige Grundcharakter bleibt dabei aber stets erhalten.

So spielte ich und spielte ich. Was genau, weiß ich gar nicht mehr, wahrscheinlich ziemliche Grütze, aus reiner Nervosität. Gerald Marleaux stand schließlich die gesamte Zeit neben mir, erklärte mir freundlich die Schaltung und Klangregelung und weitere Details des Tiuz. Nach einer Weile wollte aber noch jemand den Bass testen. Frechheit, wo doch eigentlich klar erkennbar gewesen sein sollte, dass wir füreinander geschaffen waren!

Talking loud & clear

Aber ohne Bass in den Händen ließ es sich viel besser mit Gerald Marleaux reden. Oder, genauer gesagt, gegenseitig anschreien. Regelrecht. Denn dank Gibson gegenüber mussten wir im Gespräch schon ziemlich laut werden. Zwischendurch fragte ich ihn dann auch, wie man das denn drei Tage lang aushält. Er grinste, nahm einen Schluck Bier aus seiner Flasche und sagte: ”Man wird komplett irre?”

Was Gerald Marleaux mir noch alles erzählt hat, was er von meinem Bass-Schraub-Projekt hielt, welchen Marleaux-Bass ich noch getestet und was ich mir dann schließlich auf der Messe gekauft habe – das alles & mehr im nächsten Teil meines Messeberichts!