82 THE BASS BABY (III)

”Man hört, dass es ein Helliver-Instrument ist.” – Oliver Baron im Interview (Teil 3 des Bass-Berichts).

Wie versprochen gibt’s heute den Helliver-Chef & -Gründer Oliver im O-Ton. Der freundliche Dipl.-Des. spricht über den ersten Bass aus seiner Werkstatt – und lässt dabei angemessen tief blicken, was seine Arbeits- und Herangehensweise im Allgemeinen und Speziellen angeht. Und nein, es ist bestimmt kein Zufall, dass dabei schon nach rund 20 Sekunden zum ersten Mal das Wort ”Anspruch” fällt – und nach 20 weiteren Sekunden zum zweiten. 😉

Ich traf mich mit Oliver in einem kleinen Café in unserer Nachbarschaft (wir wohnen praktischerweise im gleichen Stadtteil), das auf traditionelles, aber zeitgemäß gestaltetes Handwerk setzt und mit liebevoller Hingabe selbst hergestellte Produkte anbietet. Hm. Bevor jetzt jemand die bösen Wörter ”Trend” und ”Craft” laut ausspricht, schnell zum Interview – in dem sich Oliver nicht nur wieder einmal als angenehm offener und inspirierter Gesprächspartner erweist, sondern es auch schafft, mich mit seiner Antwort auf meine halb scherzhaft gemeinte letzte Frage ziemlich zu überraschen. Aber lest selbst!

Ich habe beim Interview total vergessen, einfach mal ein Foto zu machen. Aber das iPhone war ja auch mit Mitschneiden beschäftigt. Also hier stellvertretend Olivers Schätzchen, die er beim Guitar Summit 2019 präsentiert hat – Helliver-Bass inklusive.

[timschraubtbass] Oliver, du baust jetzt schon seit rund 20 Jahren Gitarren. Musstest du wirklich so lange üben, um dich an deinen ersten Bass zu trauen?

[Oliver Baron] Es wäre nicht zwingend nötig gewesen, so lange zu warten. Was mich davon abgehalten hat, ist einfach, dass ich kein besonders guter Bassist bin. Denn wenn ich einem Kunden ein Instrument so auf den Leib schneidere, wie ich das mit den Gitarren mache, ist mein Anspruch dabei, das Instrument auch komplett zu verstehen. Also es wirklich spielen und beurteilen zu können – weil es eben um die Feinheiten geht. Irgendeinen Bass, der „ganz gut“ klingt, den hätte ich auch schon im ersten Jahr bauen können. Aber darum kann es ja nicht gehen. Jedenfalls nicht bei Handarbeit, bei den aufgerufenen Preisen und bei meinem Anspruch an meine Arbeit.

Deshalb habe ich das lange vor mir hergeschoben. Als ich dann das Firebug-Gitarrenmodell gebaut habe, dachte ich: Das wäre auch ein schöner Bass! Ein bisschen war die Idee dabei auch, dass ich damit davonkomme, wenn der Bass etwas „speziell“ wird. Es sollte gar nicht der Bass sein, der alles kann und jedem gerecht wird – sondern der eine Nische füllt. Daher dann auch die Medium-Mensur und die ungewöhnliche Holzauswahl: Ich war gespannt, was dabei rauskommt. Abseits der Fender- und Alembic-Schule gibt es jetzt nicht so viel Auswahl, finde ich. Vor allem keine Instrumente, die als Haupt-Bass irgendwie sexy sind. Wobei das in den letzten Jahren mehr geworden ist, muss ich sagen.

Aber die Idee war eben, einfach genau so ein Nischen-Instrument zu bauen. So, wie ich mir das denke. Und dann zu schauen, wie’s wird. Und wenn’s dann nichts wird, ist es auch egal (lacht).

Also ist der Bass „aus eigenem Antrieb“ entstanden – oder gab es auch schon viele konkrete Nachfragen nach einem Helliver-Bass?

Beides eigentlich. Es gibt viele Bands, in denen zum Beispiel beide Gitarristen meine Gitarren spielen. Dann kommt der Bassist irgendwann natürlich auch: „Was ist denn jetzt mal mit einem Bass?“ (lacht) Ich rede jetzt ja schon seit fünf oder sechs Jahren davon … Aber es war hauptsächlich der eigene Antrieb. Ich wollte wissen: Wie wird das, wenn ich sowas mache?

Da meine Gitarren trotz – oberflächlich gesehen – ähnlicher Bauweise wie beispielsweise bei Gibson doch völlig anders klingen, war meine Hoffnung, dass ich das beim Bass auch erreiche. Also wenn ich Mahagoni und Ebenholz verwende und den Hals einleime, dass da eben nicht ein Gibson EB rauskommt. Und genauso war es dann auch.

Das, was meine Gitarren von ähnlichen Gitarren auf dem Markt unterscheidet, das unterscheidet auch meinen Bass von vergleichbaren Bässen. Man hört, dass es ein Helliver-Instrument ist – und das finde ich natürlich sehr zufriedenstellend.

”Sehr zufriedenstellend” – ein klarer Anwärter auf den Award für das „Understatement des Jahres” 2019.

Was waren für dich bei der Konzeption des Basses die maßgeblichen Parameter?

Ich wollte, dass es ein kompaktes und leichtes Instrument wird – also auch für Umsteiger von der Gitarre funktioniert. Auch, weil ich mich ja selbst so einordnen würde. Was will ich mir – als nicht so groß geratener Mensch und Gitarrist – gerne umhängen? Das waren in etwa die Vorgaben. Ich wäre schon zufrieden gewesen, wenn dabei, ich sag mal: ein guter Rocksound rausgekommen wäre. Wenn man mit dem Bass also ein ordentliches Fundament legen kann. Das hätte mir schon gereicht.

Die Holzauswahl war dabei aber gesetzt?

Ja, das war im Grunde die Übertragung meines Gitarrenkonzepts auf den Bass. Ich wollte sehen, ob das funktioniert. Ich war mir ziemlich sicher, dass es funktioniert – und dass die Gründe, warum andere Hersteller das nicht so machen, eher traditioneller Natur sind. Wer sonst leimt den Hals ein – und wer nimmt Mahagoni, vor allem für den Hals? Das macht kaum jemand.

Oft denkt man, dass viele in der Industrie gesetzte Standards eben so sind, weil das total sinnvoll ist und nichts anderes funktioniert. Das ist in der Regel aber einfach nicht so. Das sind meist uralte Entscheidungen, die irgendwann mal getroffen wurden – und die wir dann zum hundertsten Mal durchkauen, weil uns für andere Optionen die Vorstellungskraft fehlt oder man doch nur einen Markt bedienen will. Wozu das Konzept ändern, wenn die Kundschaft doch eher an den alten Standards klebt?

Also lieber neue Standards setzen – oder zumindest testen, was geht.

Genau. Einfach schauen, was mit anderen Mitteln geht. Wenn der einzige gut klingende Bass wirklich aus einem Erlen- oder Eschen-Body mit aufgeschraubtem Ahorn-bestehen müsste, dann hätte ich das Projekt auch nicht weiterverfolgt.

Hast du denn im Bassbereich recherchiert oder dir bestimmte Sachen angeschaut?

Ich führe ja auch Reparaturen durch, hauptsächlich Neubundierungen, und habe deshalb seit fast 20 Jahren immer wieder andere Instrumente in der Hand. Vieles kann man da übertragen: Ich weiß, was ein Ahorn-Hals im Vergleich zu einem Mahagoni-Hals am Ton verändert. Ich weiß, was leichtes und was schweres Mahagoni am Ton macht – und an welcher Stelle. Und ich weiß, was der Faktor Gewicht grundsätzlich für ein Instrument bedeutet.

Wie genau dann die persönlichen Ansprüche aussehen und ob man mit dem Bass dann in einer bestimmten Frequenz und in einer bestimmten Band-Konstellation durchkommt, das müssen mir dann letztendlich die ersten Beta-Tester sagen – so wie du halt.

Alles bereit zum Beta-Test unter den harten Einsatzbedingungen einer eher selten auftretenden Band mittelalter Männer. Man beachte den sauber gestaubsaugten Probenraumboden. Nicht im Bild: das alkoholfreie Radler. Rock’n’Roll!

Welche neuen Erfahrungen hast du beim Bau des Basses gemacht – und gab es dabei Überraschungen für dich?

Ich war über das erste Feedback und meinen eigenen Eindruck von dem Instrument insofern sehr überrascht, das vieles, was man allgemein mit der kürzeren Mensur verbindet, da überhaupt nicht zum Tragen kommt. Ich hatte vorher gedacht: Wenn die Mahagoni-Konstruktion mit der kurzen Mensur irgendwelche eklatanten Schwächen hat, der Bass also zum Beispiel nur bassig klingt, schlecht auflöst, irgendwie „Gummi“ wird, untenrum schmiert, viel zu wenig Mitten hat, dass es hauptsächlich an dieser Kombination liegen würde. Das hat sich aber alles nicht bewahrheitet.

Die Gesetze sind zumindest bei diesem Instrument tatsächlich doch andere. Viele „Vorhersagen“ kann man zwar von Gitarren-Konstruktionen übertragen – viele aber auch nicht. In diesem Fall ist es für mich gut ausgegangen. Die Schwächen, die ich eigentlich befürchtet hatte, sind alle nicht vorhanden. Dafür gibt es natürlich andere Dinge, die ich mir noch genauer anschauen will – damit es eben nicht nur ein guter, sondern ein sehr guter Bass wird. Das sind Details wie die Brücke, vielleicht auch die Mensur, die Halsdicke. Aber ich kann auf jeden Fall mit einem geleimten Mahagoni-Hals in einem Mahagoni-Body und mit einem Ebenholz-Griffbrett arbeiten – und das wird super funktionieren. Was vorher überhaupt nicht klar war.

Das Projekt war also in mancherlei Hinsicht durchaus überraschend. Aber zum Glück hauptsächlich positiv (lacht). Es hätte auch der letzte Helliver-Bass werden können. Wenn meine Befürchtungen eingetreten wären, hätte ich den Schluss daraus gezogen, dass die grundlegende Holzkombination und -konstruktion so nicht funktioniert für einen Bass.

Weil man das dann nicht mehr kompensieren könnte, also zum Beispiel mit der Brücke oder anderen Konstruktionsdetails?

Genau. Oder man hätte wirklich sehr viel kompensieren müssen – und das kann’s ja auch nicht sein. Es muss ja für sich gesehen schon ein gutes Holz mit Vorteilen sein – sonst brauche ich damit nicht zu arbeiten. Und die übliche Fender-Bauart wäre zu weit weg gewesen von dem, was ich sonst mache. Das hätte mich dann nicht interessiert.

Wie würdest den Anteil, den Holzauswahl und -konstruktion am Sound haben, in Prozent einschätzen – ungefähr jedenfalls?

Das ist schwierig. Wenn man alles mit reinnimmt, inklusive Griffbrett … es ist sehr schwer konkret zu beziffern. Und wo guckst du jetzt hin? Ist der Primärton dein Fokus oder das, was aus dem Amp rauskommt?

Ich sag mal so: Wenn du über einen guten Verstärker spielst und die Feinheiten raushörst, sicherlich 50 Prozent. Man kann einiges kompensieren, das stimmt auf jeden Fall. Aber wenn du genau das gleiche Instrument mit grundverschiedenen Hölzern baust, funktioniert das eine hervorragend und das andere überhaupt nicht – soweit würde ich gehen, was die Einschätzung der Relevanz der Hölzer angeht.

Eine ganze Menge relevantes Holz: der Helliver-Bass.

Welche Optionen gibst du Bassisten, wenn sie den Helliver-Bass bei dir bestellen möchten?

Wenige! (lacht) Farblich gibt es natürlich Optionen, auch beim Halsprofil und der Mensur und ganz klar bei den Pickups. Ich sehe da gar nicht so sehr den einen Pickup-Typ als gesetzt an – das ist weitgehend Geschmackssache. Gerade beim Bass kann man über die Pickups wunderbar andere Klangfarben herausholen, die alle ihre Berechtigung haben.

Andere Bodyformen, einen dickeren Body oder eine andere Kopfplatte werde ich nicht anbieten. Das ist alles sehr aufwändig und bietet nur kleinere Mehrwerte, die man als Kunde nach einem halben Jahr vielleicht gar nicht mehr wahrnimmt. Grundsätzlich geht es hier um „alles anbieten“ kontra „es besser wissen“ – dazwischen muss man sich einpendeln. Ich versuche dann eher, das, was ich weiß und vielleicht auch besser weiß, wirklich als gesetzt anzubieten. Am Ende sind so alle zufriedener, glaube ich. Und wer sich darin nicht wiederfindet, kommt dann vielleicht irgendwo anders zum Zug – ist dann auch OK für mich. Der Bass ist in meinem Portfolio ja immer noch ein Nischen-Ding.

Was hat dir das bisherige Feedback zum Bass für Erkenntnisse gebracht?

Auch wieder einiges. Ich höre natürlich ganz genau hin – und rechne immer mit dem Schlimmsten (lacht).

Bei den Dingen, die mehrfach gesagt werden, ist es für mich klar, dass ich das umsetzen muss. Vor allem, weil ich im Bassbereich nicht so viel Praxiserfahrung habe. Das nehme ich sehr, sehr ernst und sammle immer weiter Feedback.

Ich bequatsche das dann alles mit meinem „Chefentwickler“ Dave [Sustain a.k.a. Sound Ranger], der ja ursprünglich Bassist ist. Ich kann das halt weniger gut beurteilen als jemand, der Bass spielt – selbst wenn er kein Wahnsinns-Könner sein sollte, denn darum geht es ja gar nicht. Sondern einfach darum, dass man das Ding regelmäßig umhat und spielt. Dann weiß man genau, wo’s drückt oder was funktioniert und was nicht. Anders als bei den Gitarren, da lasse ich mir gar nicht mehr reinreden (lacht).

Und was kommt als nächstes – die Helliver-Ukulele?

Ich habe tatsächlich schon „E-Kulelen“ gebaut, ganz am Anfang. Eine davon habe ich einem meiner ersten Kunden geschenkt, Guido von den Donots. Als Mini-Kopie von seiner Helliver Classic.

Es ist aber schwierig, die Dinger bei der sehr kurzen Mensur mit Stahlsaiten zum Intonieren zu bringen. Klingt auch komisch, eher wie eine schlechte E-Gitarre – deshalb habe ich das auch nicht weiterverfolgt.

Gut, dass ich in meinem Archiv noch Helliver-Fotos habe … Hier richtet Oliver gerade die Bünde meines Schraubbasses ab – noch vor dem Werkstatt-Umzug.

Vielen Dank nochmal an Oliver für das Gespräch! Und weiterhin viel Erfolg mit dem tollen Helliver-Bass. Und mit den Helliver-Gitarren natürlich auch. 😉 Zum Abschluss (und auch als Überleitung zum demnächst erscheinenden neuen Blogartikel) hier nochmal der gute Florian Friedrich, wie er den Helliver-Bass auf der Guitar Summit 2019 anspielt. Übrigens ein Video mit richtig professionell aufgenommenem Bass-Sound … kann ich sowas vielleicht auch? Stay tuned!

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