72 BASS TO THE FUTURE (Teil 2)

”Whatever will be, will be” –
Die Musik Produktiv Hausmesse 2018

Der erste Teil meines Berichts endete mit dem kurzen Test des Marleaux Shortscale-Basses, der übrigens auch in der aktuellen ”Bass Professor”-Ausgabe euphorisch bespielt & besprochen wird (leider noch kein Link verfügbar, sorry). Jetzt geht’s weiter. Der DeLorean ist mittlerweile im neuen Jahr gelandet – für das ich allen Leserinnen und Lesern alles erdenklich Gute wünsche.

Norbert & ich liefen dann noch ein bisschen weiter rum, erkundeten auch die Angebote im Laden (wo ich die riesige Akustik-Gitarren-Abteilung entdeckte, die ich noch gar nicht so wahrgenommen hatte) und schlenderten dann weiter durch die Messegänge. Norbert kaufte ein tolles Gitarrenpedal und ließ es vom Meister höchstselbst signieren. Ich fand mich immer wieder wie magisch vom Marleaux-Stand angezogen. Aber nicht nur ich – es war dann doch recht voll geworden, nicht nur bei den Bässen, sondern auf der ganzen Messe.

Obwohl ich anfangs noch in Testlaune gewesen war, verging diese mir zunehmend. Es war einfach zu laut überall. Oder, anders (ehrlicher) formuliert: Ich bin langsam zu alt für den Scheiß! Ich wollte es ungefähr so: ”Man reiche mir bitte eine Tasse Tee und ein Instrument meiner Wahl in einer schallisolierten, geräumigen (Wohnzimmer-Dimensionen) Testkabine.” Ich bekam: ”Was? WAS HAST DU GESAGT?? LAUTER!!!”

Ausgerechnet der Marleaux-Stand war in dieser Hinsicht wieder mal ungünstig positioniert. 2017 waren es die Gibson-Gefährten, die direkt gegenüber der edlen Bässe aus dem Harz ungehemmt bretterten, was das Zeug hielt (offensichtlich eine Menge). 2018 hingegen gab es einen fast symbolisch zu verstehenden anderen Grund, weshalb man die Bässe besser sehen als hören konnte: Am Messestand der Firma Mixars führte in regelmäßigen Abständen eine junge DJane vor, was sie so drauf hat. Und Musik aufgelegt hat sie auch noch.

”Musik”? Ja, doch, es ist wohl Musik, aber eben nicht meine. Ich höre ja wirklich auch gerne experimentellen Quark oder schwer erträglichen Fake Jazz oder idiosynkratisch britischen Grundmotorik-Waverock oder Breitband-Soundtrack-Metal aus dem Münsterland oder Electronica-Experimente ehemaliger Schottenpopper oder was auch immer. Aber. Nicht. Sowas:

Ich behaupte mal (und schließe einfach von mir auf alle anderen), dass die Messebesucher zum Großteil eher Rock- und Pop-orientiert waren und sehr viele davon Gitarre oder Bass oder Schlagzeug spielten. Und sich für entsprechende Musikstile interessierten. Und nicht unbedingt für EDM, wie dieses Gebrimmsel allgemein genannt wird. Tja. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein alter, tragischerweise in den 70ern und 80ern musiksozialisierter Sack. Aber das ist jetzt wohl auch die richtige Stelle, um kurz innezuhalten – und die Frage zu stellen: Was würde David Guetta dazu sagen?

”Do you want some Bass?”

Genau. Also zurück zum Marleaux-Stand, wo mir im Gedränge plötzlich ein Gesicht auffiel. Das in der deutschen Bass-Szene durchaus bekannt ist, nicht erst seit dem großen Interview mit ihm in der Bass Quarterly 4/2018: Florian Friedrich! Klar, er ist ja auch Marleaux-Endorser. Und vielbeschäftigter Bass-Profi. Und renommierter Online-Basslehrer. Und was er dann am Stand so auf den Bässen spielte, war wirklich fantastisch – zum Beispiel einige ziemlich coole Stevie-Wonder-Adaptionen. Und ein spontaner Jam mit einem linkshändigen EICH-Mitarbeiter. Ich wünschte, ich hätte das mitgeschnitten!

Flo am Marleaux – große Show.

Aber immerhin habe ich Florian angesprochen und mich ein bisschen mit ihm unterhalten. Ein sehr angenehmes Gespräch (trotz der uns umgebenden Lautstärke), das sich dann für ein paar Takte auch um die Themen Beruf, Hobby, Leidenschaft drehte – und um deren Verknüpfung in der eigenen Biografie. So erzählte er zum Beispiel, dass ihn einst ein Mitschüler erstaunt gefragt hatte: ”Bass studieren? Was willst du denn damit machen?” – und Florian ihm einfach nur die Gegenfrage stellte: „BWL studieren? Was willst du denn damit machen??” 😉

Wer mehr über Florian erfahren möchte, dem sei sein YouTube-Channel ans Herz gelegt. Und natürlich auch seine gerade neu gelaunchte Seite floriansbassunterricht.de. Von seinen Videos war mir vor einiger Zeit vor allem eines aufgefallen, das mir gut gefallen hat. Da geht es um das (auch im Themenbereich meines Blogs spannende) Thema „Vintage-Bass gegen neuen Edel-Bass”, das ich hier von ihm aus seiner Profi-Perspektive sehr aufschlussreich aufgedröselt fand.

Und als Bass-, Bassbauer- und Profibassisten-Fanboy war ich natürlich schamlos genug, Florian um ein Selfie mit mir zu bitten. Tja, in meiner Bassblogger-Geheimidentität mache ich halt dauernd Sachen, über die ich in meinem wirklichen Leben nur den Kopf schütteln würde … oder beide:

Nicht nur bei Bässen, auch bei Brillen einen ähnlichen Geschmack: Florian Friedrich und Yours Truly (v.l.n.r.i.s.d.P)

Schön, Tim. Aber warum heißt dieser Beitrag jetzt eigentlich ”Whatever will be, will be”?

Ja ja, schon gut. Ist einfach zu erklären. Das Aufhänger-Wortspiel meines Messeberichts ist ja BASS TO THE FUTURE. Also muss was mit Zukunft rein. Und dann passte die Zeile aus ”Que Será, Será” natürlich prima. Denn …

”The Future’s not ours to see!”

… das hat auch mit meinem (schon öfter erwähnten) Gefühl zu tun, in diesen Instrument-Test-Situationen, ob im Musikgeschäft oder am Messestand, meist nur totale Grütze zusammenzuspielen. Deshalb hatte ich mich vorbereitet.

Und zwar so: In der Gitarre&Bass-Ausgabe 8/2018 war ein Interview mit Meister Marcus Miller zu dessen fantastischen neuen Album ”Laid Black“ zu lesen. Und eine Transkription des Intros des Titels ”Que Será, Será” war netterweise auch beigefügt. Nicht bekannt? Na dann aber schnell:

https://www.youtube.com/watch?v=KVMuparhtks

Im Vorfeld der Messe hatte ich mich also intensiv mit diesem Intro auseinandergesetzt und es auch zu 95 % hingekriegt (diese eine Stelle in Takt 4, verdammt …). Macht ziemlich Spaß und ist vorzeigbar. Und ich hatte es beim Testen des Marleaux Shortscale-Votans auch kurz angespielt … Aber dann, später, war es mir wie erwähnt überall zu voll und zu laut auf der Messe. Oder, genauer gesagt: I chickened out!

”Will I be pretty? Will I be rich?”

Vielleicht hätte ich mir ja doch noch mehr Bässe auf der Messe anschauen sollen … Schließlich war da ja zum Beispiel mit Claas Guitars eine seltsam attraktive Zukunftsvision des sonst ewig ähnlichen Gitarre/Bass-Themas zu sehen. Aber ich hatte einfach keinen Bock mehr.

Was bleibt? Immerhin ein eindrucksvoller Tag im besten Sinne des Wortes und ein schöner Ausflug mit meinem Bandkollegen Norbert. Und nächstes Jahr fahre ich bestimmt auch wieder hin – soweit in die Zukunft wage ich dann wohl jetzt schon zu blicken. 😉

Und es blieb ja auch was Tolles übrig: Ein kurzer Mailaustausch mit Florian Friedrich in den Tagen nach der Messe erfreute mich dann wieder sehr. Darin ging es um unser Gespräch, meinen Bass-Blog und auch um das Interview mit Hans-Peter Wilfer. Folgendes schrieb Florian:

„Ich habe mir mal gerade deinen Bass-Blog angeschaut… Super Blog! Und einen klasse klingenden Bass hast du da zusammengeschraubt! Und tolles Interview mit Herrn Warwick…. Hehehe, ich sagte dir ja, man rutscht da so rein, ohne etwas zu planen. Und ehe man sich versieht, verdient man damit sein Geld (wenn überhaupt)…. Die Leidenschaft ist Schuld! Und das ist garantiert bei allen Meistern so! Ob Hans Peter Wilfer, Gerald Marleaux oder “professioneller” Musiker… die Leidenschaft und Liebe zur Musik und zum Fach, das ist was zählt und was einen voran bringt. Ich finde ja sowieso, dass die Professionellen die eigentlichen Amateure sind: 1. des Wortes wegen… Wir lieben eben, was wir tun! Und 2. wird dir kein Profi sagen, dass er schon alles kann. Die meisten der Großen bleiben wissbegierig und bescheiden und bilden sich immer weiter! ;-)Und zur Griffbrettreinigung: THE DIRT KEEPS THE FUNK!!!! Also nicht zu viel putzen! ;-)“ [Florian Friedrich / 16.11.2018]

Und das kann man ja einfach mal so stehen lassen, oder?

Und jetzt: BACK (!) TO THE FUTURE!

Denn es gibt viel zu tun, viel zu schreiben, viel zu spielen. Ich habe leider sehr lange für diesen Artikel gebraucht – was unter anderem daran liegt, dass im richtigen Leben mein Schreibtisch gerade ziemlich mit großen, zeitaufwändigen Jobs beladen ist. Aber die Saga meines Schraub-Basses muss weitererzählt werden – da gibt es ja zum Beispiel noch eine Episode in der Werkstatt des Sound Rangers, die noch gar nicht aufgearbeitet wurde. Und, und, und … Also reiße ich mich in naher Zukunft zusammen und plane mal die nächsten Themen. Und schreibe drüber. Denn – den kann ich jetzt leider nicht mehr zurückhalten:

”Whatever will be, will be Bass!”

72 BASS TO THE FUTURE (Teil 1)

”Nobody calls me chicken!”
Die Musik Produktiv Hausmesse 2018

Endlich komme ich dazu, meinen Bericht über die Hausmesse 2018 bei Musik Produktiv in Ibbenbüren zu schreiben. Von der Messe 2017 war ich ja recht begeistert gewesen. Und wie war’s diesmal?

Am 10. November 2018 holte mich mein Bandkollege Norbert morgens ab und wir fuhren durch strömenden Regen von Münster nach Laggenbeck / Ibbenbüren. Ist ja nicht weit. Und wir waren sogar früh genug da, um einen Parkplatz direkt im Gewerbegebiet zu bekommen – es sind ja auch etliche PKW-Stellplätze weiter weg drumherum verfügbar, die dann von einem Shuttle-Bus abgefahren werden. Service rundum.

2017 war ich ja mit Harald und seiner Freundin Diana bei der Messe gewesen. Insofern war mir beim Eintritt in die großen Messezelte schon etwas traurig zumute … Netterweise hatte mir Diana dieses Jahr zwei Freikarten für die Messe vorbeigebracht, die sie übrig hatte. Also schon mal 2 x 8,- Euro gespart. Danke, Diana! 😉

Aber der Eintrittspreis ist fair. Messebesucher bekommen viel geboten; die Liste der Aussteller ist lang und vor allem Gitarristen kommen da voll auf ihre Kosten. Und schon direkt hinter dem Eingang erwartete uns das erste Highlight: Ein ”echter” Back-to-the-Future-DeLorean. Mit Fluxkompensator. Und Marty McFly auf dem Beifahrersitz. Tja – keine Angst, gleich reingesetzt und in die Kamera gelächelt:

”Why do you keep calling me Calvin?”

Marty sah etwas geschockt aus, er rührte sich die ganze Zeit überhaupt nicht. Aber vielleicht hatte ich einfach das falsche Jahr eingestellt?

Marty McFly: Wait a minute. Wait a minute Doc, uh, are you telling me you built a time machine … out of a DeLorean?
Doc: The way I see it, if you’re going to build a time machine into a car, why not do it with some style?

Die Aktion von YAMAHA Deutschland war ja eigentlich ganz nett. Man musste sich nur im DeLorean fotografieren lassen – und bekam dafür einen 25,- Euro Gutschein für den Kauf von Yamaha-Produkten. Dass dieser Gutschein aber erst ab einem Einkaufswert von 250,- Euro galt, stand auf der Rückseite des Fotos in so kleiner Schrift, dass ich es erst beim dritten Versuch lesen konnte. Liegt bestimmt an meinen Augen. Hm. Ein allgemeiner Einkaufsgutschein über 10 Prozent hätte Yamaha wahrscheinlich mehr Umsatz beschert, denke ich.

Aber weil die Fotoaktion so liebevoll gestaltet war, will ich mal nicht groß meckern. Und wir mussten ja auch weiter. Gab ja noch mehr zu gucken auf der Messe.

Roads? Where we going we don’t need roads.”

Das Ausstellerverzeichnis und das Programm der Messe waren wieder beeindruckend umfangreich. Mich interessierten natürlich hauptsächlich Bässe und so. Überraschung! 😉

Norbert und ich waren mit seinem großen Bulli angereist, hätten also reichlich Platz für Gitarren, Bässe, Verstärker und Boxen gehabt. Aber davon haben wir ja auch schon reichlich zu Hause. Und im Bandraum. Und überhaupt: Ist so eine Messe ein guter Ort, um ein Instrument zu kaufen? Dazu später mehr …

Messe, Bässe, Currywurst.

Wir waren ja schon recht früh am Vormittag da – nicht gerade die beste Zeit für Rock’n’Roll. Also war es auf der Messe noch erfreulich übersichtlich. Das Herumschlendern war angenehm, die Messestände waren noch nicht überlaufen. Sehr schöne Bässe gab’s bei Ibanez zu sehen, aber natürlich auch bei Fender. Mein persönliches Ziel war allerdings wieder Marleaux.

Mit Gerald Marleaux hatte ich mich 2017 auf der Messe etwas länger (und lauter) unterhalten. Da war sein Messestand direkt gegenüber vom Gibson-Stand platziert gewesen. Was bedeutete, dass man sich anschreien musste, wenn man sich was erzählen wollte. Dieses Jahr war Gibson gar nicht auf der Messe. Warum wohl?

Gerald erinnerte sich auch an mich und wir tauschten uns kurz über die Marleaux-Neuheiten aus. Er hatte einen sehr schönen Votan Shortcale-Viersaiter dabei, über den in der Gitarre&Bass auch bereits ein Test zu lesen war.

Und den nahm ich mir dann mal vor. Über einen EICH-Amp. Traum-Kombi!

Stars & Stripes …

Das Spielgefühl war auf den ersten Griff super – die kurze Mensur, die sanftere Saitenspannung, der kleine Korpus und das angenehme Shaping überzeugten mich mit jeder Note mehr. Kein Wunder, der ganze (passive) Bass vermittelt eben das klassische Preci-Gefühl – nur eben auf Marleaux-Art. Rundum hochwertig, perfekt verarbeitet und bis ins Detail harmonisch … darf ich ”komponiert” sagen? Klar darf ich, ist ja mein Blog.

Ich gab Gerald ein kurzes, begeistertes Feedback und versprach, später noch mal wiederzukommen und auch die anderen Bass-Schätze anzuspielen. Guter Plan! Außerdem wollten wir ja noch weiterschauen und mittags was essen. (Warum gibt’s eigentlich bei solchen Events IMMER hauptsächlich Pommes und Currywurst?)

Und was passierte dann? Warum scheiterte der gute Plan u. a. an dieser Dame, die sich direkt um die Ecke vom Marleaux-Messestand als würdige Vertretung von Gibson einen ganz besonderen Platz in unseren Gehörgängen eroberte? Und welchen Bass-Promi habe ich dann noch getroffen und gesprochen (laut!) und beim Bass-Spielen bewundert? Und warum spiele ich bei solchen Gelegenheiten selbst immer so eine Grütze zusammen? Habe ich überhaupt noch was gespielt? Oder mich nicht getraut? War ich etwa doch ein ”chicken”?

Selbstverständlich lest ihr all das und noch viel mehr im nächsten, zweiten Teil meines Messeberichts. Vielleicht sogar noch dieses Jahr – stay tuned!

Aber Obacht! Jetzt kommt noch was – ein PS!

PS: That’s so tweet of you!

Immer, wenn ich zwischendurch mal denke: Für wen und warum schreibe ich das hier überhaupt alles? – Dann flattert mir etwas Nettes, Schönes, Schmeichelndes ins Haus. Zum Beispiel das hier:

https://twitter.com/iphaty/status/1075005733190725632

Warum Tweets in WordPress manchmal aufgelöst und manchmal nur als Link angezeigt werden, ist mir ein ewiges Rätsel …

Große Freude! Vielen herzlichen Dank, @iphaty. Übrigens hat unser Austausch dazu geführt, dass ich ein paar Blog-Funktionen überprüft und geupdatet habe – zum Beispiel kann man #timschraubtbass jetzt auch per E-Mail abonnieren. Einfach mal rechts in die Seitenleiste unter die Monatsübersicht schauen. Gefunden? Dann einfach E-Mail-Adresse eintragen und abschicken – fertig ist das Bass-Abo! @iphaty ist schon dabei und hat’s bisher nicht bereut. Oder? 😉

Was mich an solchen Geschichten immer wieder besonders freut: Die motivieren nicht nur, sie führen auch immer irgendwohin weiter. Im Falle von @iphaty zu einem netten persönlichen Kontakt zu einem begeisterten Bass-Kollegen. Der wiederum persönlichen Kontakt zu einem berühmten Bassbauer hat. Kleine Bass-Welt! Wer das ist und was daraus wird, sehen wir dann vielleicht 2019 …

71 WOW, WILFER! (Teil 2)

”Geduld, Übung, Passion.”

Wie im letzten Beitrag ausführlich und im Detail erläutert, hatte Warwick-Gründer und Bassbau-Legende Hans-Peter Wilfer zugesagt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Aber die musste ich mir erstmal überlegen. Infos über ihn und Interviews mit ihm gibt es ja bereits in Hülle und Fülle – seit Anfang der 1980er ist da natürlich Einiges zusammengekommen. Und auch die Warwick-Website geizt nicht mit Details und Fotos aus der Firmenhistorie. Was könnten also spannende Fragen sein?

Ich wollte ja Fragen aus Perspektive meines Blogs stellen. Jedoch kannte ich schon ein sehr ausführliches Interview, in dem Hans-Peter Wilfer (oder ”Hans Peter Wilfer”? Beide Schreibweisen werden verwendet, mit und ohne Bindestrich … Tja, hätte ich ja mal fragen können, was richtig ist … Ich schreibe dann besser ab jetzt immer ”H. P. Wilfer“ 😉 … ähm … wo war ich gerade?) sehr persönlich über sein Unternehmen, seine Arbeit und sein Leben erzählt, zu finden in der Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift BASS PROFESSOR (ja, ich lese immer noch Fachzeitschriften).

Auch sonst gibt es viele aktuelle und informative Interviews mit ihm und Berichte über Warwick und Framus zu finden – zum Beispiel hier, hier, hier und hier. Tja. Und was ist überhaupt die besondere Perspektive meines Blogs? ”Handwerklich unbegabter Laie schraubt Bass zusammen” – so hatte ich das Herrn Wilfer beschrieben. Aber was ergeben sich daraus für Fragen? Ich überlegte. Und überlegte.

Und dann fiel mir etwas ein. Sehr naheliegend, aber wichtig. Und zwar das hier: ”Entspann dich, Tim! Denk dir einfach ein paar Fragen aus und es wird schon okay sein!” 😉

Genau. Denn H. P. Wilfer ist offensichtlich ein freundlicher und kommunikativer Mensch. Der sich netterweise Zeit dafür nimmt, mir für mein kleines Nischenblog ein paar Fragen zu beantworten.

Also ”Mehr spielen, weniger üben!”, wie ein kluger Bassist mal sagte – hier kommt, without further ado,  das Interview!

1. Wann haben Sie das erste Mal gedacht oder gemerkt: „Bässe bauen, das könnte wohl als Beruf für mich funktionieren …“?

H. P. Wilfer (HPW):  Nun, das ist nicht so kurz zu erklären, aber das hat sich zwischen 1978 und 1981 ergeben. Am Ende, als ich mich 1982 selbständig gemacht habe, bin ich in diese Richtung eher per Zufall reingeschliddert und habe mich dann immer mehr damit beschäftigt – so dass sich ab 1983 verfestigt hat, dass ich nur noch Bässe gebaut habe … Geplant war das nie … Aber im Leben ergeben sich immer wieder neue Gegebenheiten, mit denen man konfrontiert wird und sich dann neu ausrichten muss.

2. Sind Ihnen irgendwann einmal ärgerliche handwerkliche Fehler beim Bau eines Instruments passiert – und wenn ja, was haben Sie daraus gelernt?

HPW:  Das ist ein Lernprozess im gesamten Leben. Und ja, es passieren auch heutzutage immer neue Dinge, aus denen man lernt, ein Instrument besser zu machen. Es werden ja heutzutage die Bässe aus 1984 bis 2000 immer hoch gelobt – aber heute bauen wir Instrumente auf einem Niveau, was 1984 nicht ansatzweise möglich gewesen ist. Die Technik in Verbindung mit der Handarbeit, die wir heutzutage einsetzen, sind im Vergleich Tag und Nacht – und das Ergebnis auch. Ein Instrument heutzutage hat einen Qualitätsstandard, von dem ich 1984, 1995 oder auch 2005 nur träumen konnte.

3. Haben Sie einen (klassischen oder modernen) E-Bass-Favoriten, der nicht aus Ihren eigenen Werkstätten kommt?

HPW : Natürlich, und das ist ein Fender. Aber ich wollte nie einen Fender kopieren und habe das selber in meiner Werkstatt nie gemacht. Wir könnten das Zehnfache an Instrumenten verkaufen, wenn wir wie so viele andere eine Fender-Form nehmen würden, was schlichtweg im Bassbau der Standard und die Norm ist. Das wollte ich aber nie … und hab’s auch nicht gemacht. Der Weg, den wir gegangen sind mit eigenen Formen, war immer der schwerere Weg. Eine Fender-Form zu nehmen ist einfach – das Einfachste in der Welt, so einen flachen Bass zu bauen. Das kann jeder, der keine zwei linken Hände hat, dazu gehört überhaupt nichts. Und in Korea und China und Indonesien ist das der Standard. Daher fertigen auch alle nur Fender- (oder Gibson-)Formen, das ist 95% des Marktanteils auf der Welt.

4. Können Sie prozentuale Anteile angeben, wie viel Einfluss folgende Elemente ihrer Erfahrung nach auf den Gesamtsound eines E-Basses haben?

Body-Holz: XX %
Hals-Material: XX %
Hals-Konstruktion: XX %
Hardware: XX %
Pickups: XX %
Elektronik: XX %
Bassist/in: XX %

HPW : Sowas ist immer schwer zu sagen – und man muss hier separieren zwischen dem Bass an sich und der verbauten Elektronik und den Pickups. Der Spieler ist natürlich das Ausschlaggebende, der Bass ist nur das Instrument, das die Kreativität umwandelt in einen Ton. Der Ton kommt zuerst vom Musiker / Artist und ob er spielen kann … Ich will mich nicht in Prozent festlegen, aber das Meiste ist der Musiker und dann der Bass und hier machen Hals und Tonabnehmer mit Elektronik das Meiste aus!

Dann kommt die Masse des Bodys und die Konstruktion, ob NT oder Bolt-on. Die Masse der Brücke und Konstruktion ist auch nicht zu unterschätzen.

Man kann schon sagen: Jedes einzelne Teil gibt dem Bass eine Nuance in eine Richtung! Alles zusammen ist dann die Gesamtkomposition, wie bei einem Orchester, das zusammenfinden muss.

Aber wie Bill Lawrence vor 40 Jahren zu mir sagte: Ich kann was Fantastisches aus der billigsten Gitarre herausholen. Der Ton kommt aus den Fingern. Das ist wie bei einem Auto: Sie können von A nach B fahren mit einen Bentley oder mit einen Lada. Der Komfort ist unterschiedlich bei den Autos und das Fahrgefühl, Spielgefühl – aber ankommen werden Sie mit beiden. Und auch mit einem preiswerten Instrument kann ein guter Ton machbar sein. Es ist der Spieler …

5. Haben Sie einen persönlichen Profi-Tipp für Hobby-Bass-Bauer oder -Zusammenschrauber wie mich?

HPW : Geduld, Übung, Passion und Sie dürfen unseren Beruf nicht machen, um Geld zu verdienen.

6. Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit bei Warwick heute am meisten Spaß?

HPW : Kreativität.

7. Gibt es eine Bassistin oder einen Bassisten, die oder den Sie bisher noch nicht kennen gelernt haben – aber sehr gerne mal treffen würden?

HPW : Sting von The Police.

Thumbs up!

Über die Antworten von Herrn Wilfer habe ich mich sehr gefreut – vor allem, weil sie offensichtlich so straight und ohne Schnörkel aus der Tiefe seines Herzens kommen. In meiner Hauptberufsbranche erlebe ich das eher selten. 😉

Schon spannend, wie er die Entwicklung der technischen Fertigungsunterstützung und ihre Auswirkungen auf die Qualität der Bässe skizziert. Aber ohne diese Entwicklung hätte ich wohl kaum meinen eigenen Preci-Schraubbass in dieser Qualität zusammenstellen und und -schrauben können. Oder nur mit einem höheren Budget. Sehr schön finde ich außerdem das Bild des Basses als Gesamtkomposition bzw. ”Orchester, das zusammenfinden muss” – darin finde ich mich mit meinen eigenen (bescheidenen) Bassbau-Erfahrungen ziemlich gut wieder.

Was bleibt? Natürlich vor allem ein riesengroßes

DANKESCHÖN!

an Herrn Wilfer. Und die große Freude darüber, wohin und zu wem mich mein Schraub- und Schreib-Projekt immer wieder vollkommen unerwartet führt.

Stay tuned – there’s always more bass to come!

 

PS: Übrigens habe ich jetzt noch mehr Warwick-Produkte hier rumliegen, und zwar einen Satz Warwick-Saiten. Werde ich demnächst ausprobieren & dann berichten …