71 WOW, WILFER! (Teil 2)

”Geduld, Übung, Passion.”

Wie im letzten Beitrag ausführlich und im Detail erläutert, hatte Warwick-Gründer und Bassbau-Legende Hans-Peter Wilfer zugesagt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Aber die musste ich mir erstmal überlegen. Infos über ihn und Interviews mit ihm gibt es ja bereits in Hülle und Fülle – seit Anfang der 1980er ist da natürlich Einiges zusammengekommen. Und auch die Warwick-Website geizt nicht mit Details und Fotos aus der Firmenhistorie. Was könnten also spannende Fragen sein?

Ich wollte ja Fragen aus Perspektive meines Blogs stellen. Jedoch kannte ich schon ein sehr ausführliches Interview, in dem Hans-Peter Wilfer (oder ”Hans Peter Wilfer”? Beide Schreibweisen werden verwendet, mit und ohne Bindestrich … Tja, hätte ich ja mal fragen können, was richtig ist … Ich schreibe dann besser ab jetzt immer ”H. P. Wilfer“ 😉 … ähm … wo war ich gerade?) sehr persönlich über sein Unternehmen, seine Arbeit und sein Leben erzählt, zu finden in der Ausgabe 1/2016 der Zeitschrift BASS PROFESSOR (ja, ich lese immer noch Fachzeitschriften).

Auch sonst gibt es viele aktuelle und informative Interviews mit ihm und Berichte über Warwick und Framus zu finden – zum Beispiel hier, hier, hier und hier. Tja. Und was ist überhaupt die besondere Perspektive meines Blogs? ”Handwerklich unbegabter Laie schraubt Bass zusammen” – so hatte ich das Herrn Wilfer beschrieben. Aber was ergeben sich daraus für Fragen? Ich überlegte. Und überlegte.

Und dann fiel mir etwas ein. Sehr naheliegend, aber wichtig. Und zwar das hier: ”Entspann dich, Tim! Denk dir einfach ein paar Fragen aus und es wird schon okay sein!” 😉

Genau. Denn H. P. Wilfer ist offensichtlich ein freundlicher und kommunikativer Mensch. Der sich netterweise Zeit dafür nimmt, mir für mein kleines Nischenblog ein paar Fragen zu beantworten.

Also ”Mehr spielen, weniger üben!”, wie ein kluger Bassist mal sagte – hier kommt, without further ado,  das Interview!

1. Wann haben Sie das erste Mal gedacht oder gemerkt: „Bässe bauen, das könnte wohl als Beruf für mich funktionieren …“?

H. P. Wilfer (HPW):  Nun, das ist nicht so kurz zu erklären, aber das hat sich zwischen 1978 und 1981 ergeben. Am Ende, als ich mich 1982 selbständig gemacht habe, bin ich in diese Richtung eher per Zufall reingeschliddert und habe mich dann immer mehr damit beschäftigt – so dass sich ab 1983 verfestigt hat, dass ich nur noch Bässe gebaut habe … Geplant war das nie … Aber im Leben ergeben sich immer wieder neue Gegebenheiten, mit denen man konfrontiert wird und sich dann neu ausrichten muss.

2. Sind Ihnen irgendwann einmal ärgerliche handwerkliche Fehler beim Bau eines Instruments passiert – und wenn ja, was haben Sie daraus gelernt?

HPW:  Das ist ein Lernprozess im gesamten Leben. Und ja, es passieren auch heutzutage immer neue Dinge, aus denen man lernt, ein Instrument besser zu machen. Es werden ja heutzutage die Bässe aus 1984 bis 2000 immer hoch gelobt – aber heute bauen wir Instrumente auf einem Niveau, was 1984 nicht ansatzweise möglich gewesen ist. Die Technik in Verbindung mit der Handarbeit, die wir heutzutage einsetzen, sind im Vergleich Tag und Nacht – und das Ergebnis auch. Ein Instrument heutzutage hat einen Qualitätsstandard, von dem ich 1984, 1995 oder auch 2005 nur träumen konnte.

3. Haben Sie einen (klassischen oder modernen) E-Bass-Favoriten, der nicht aus Ihren eigenen Werkstätten kommt?

HPW : Natürlich, und das ist ein Fender. Aber ich wollte nie einen Fender kopieren und habe das selber in meiner Werkstatt nie gemacht. Wir könnten das Zehnfache an Instrumenten verkaufen, wenn wir wie so viele andere eine Fender-Form nehmen würden, was schlichtweg im Bassbau der Standard und die Norm ist. Das wollte ich aber nie … und hab’s auch nicht gemacht. Der Weg, den wir gegangen sind mit eigenen Formen, war immer der schwerere Weg. Eine Fender-Form zu nehmen ist einfach – das Einfachste in der Welt, so einen flachen Bass zu bauen. Das kann jeder, der keine zwei linken Hände hat, dazu gehört überhaupt nichts. Und in Korea und China und Indonesien ist das der Standard. Daher fertigen auch alle nur Fender- (oder Gibson-)Formen, das ist 95% des Marktanteils auf der Welt.

4. Können Sie prozentuale Anteile angeben, wie viel Einfluss folgende Elemente ihrer Erfahrung nach auf den Gesamtsound eines E-Basses haben?

Body-Holz: XX %
Hals-Material: XX %
Hals-Konstruktion: XX %
Hardware: XX %
Pickups: XX %
Elektronik: XX %
Bassist/in: XX %

HPW : Sowas ist immer schwer zu sagen – und man muss hier separieren zwischen dem Bass an sich und der verbauten Elektronik und den Pickups. Der Spieler ist natürlich das Ausschlaggebende, der Bass ist nur das Instrument, das die Kreativität umwandelt in einen Ton. Der Ton kommt zuerst vom Musiker / Artist und ob er spielen kann … Ich will mich nicht in Prozent festlegen, aber das Meiste ist der Musiker und dann der Bass und hier machen Hals und Tonabnehmer mit Elektronik das Meiste aus!

Dann kommt die Masse des Bodys und die Konstruktion, ob NT oder Bolt-on. Die Masse der Brücke und Konstruktion ist auch nicht zu unterschätzen.

Man kann schon sagen: Jedes einzelne Teil gibt dem Bass eine Nuance in eine Richtung! Alles zusammen ist dann die Gesamtkomposition, wie bei einem Orchester, das zusammenfinden muss.

Aber wie Bill Lawrence vor 40 Jahren zu mir sagte: Ich kann was Fantastisches aus der billigsten Gitarre herausholen. Der Ton kommt aus den Fingern. Das ist wie bei einem Auto: Sie können von A nach B fahren mit einen Bentley oder mit einen Lada. Der Komfort ist unterschiedlich bei den Autos und das Fahrgefühl, Spielgefühl – aber ankommen werden Sie mit beiden. Und auch mit einem preiswerten Instrument kann ein guter Ton machbar sein. Es ist der Spieler …

5. Haben Sie einen persönlichen Profi-Tipp für Hobby-Bass-Bauer oder -Zusammenschrauber wie mich?

HPW : Geduld, Übung, Passion und Sie dürfen unseren Beruf nicht machen, um Geld zu verdienen.

6. Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit bei Warwick heute am meisten Spaß?

HPW : Kreativität.

7. Gibt es eine Bassistin oder einen Bassisten, die oder den Sie bisher noch nicht kennen gelernt haben – aber sehr gerne mal treffen würden?

HPW : Sting von The Police.

Thumbs up!

Über die Antworten von Herrn Wilfer habe ich mich sehr gefreut – vor allem, weil sie offensichtlich so straight und ohne Schnörkel aus der Tiefe seines Herzens kommen. In meiner Hauptberufsbranche erlebe ich das eher selten. 😉

Schon spannend, wie er die Entwicklung der technischen Fertigungsunterstützung und ihre Auswirkungen auf die Qualität der Bässe skizziert. Aber ohne diese Entwicklung hätte ich wohl kaum meinen eigenen Preci-Schraubbass in dieser Qualität zusammenstellen und und -schrauben können. Oder nur mit einem höheren Budget. Sehr schön finde ich außerdem das Bild des Basses als Gesamtkomposition bzw. ”Orchester, das zusammenfinden muss” – darin finde ich mich mit meinen eigenen (bescheidenen) Bassbau-Erfahrungen ziemlich gut wieder.

Was bleibt? Natürlich vor allem ein riesengroßes

DANKESCHÖN!

an Herrn Wilfer. Und die große Freude darüber, wohin und zu wem mich mein Schraub- und Schreib-Projekt immer wieder vollkommen unerwartet führt.

Stay tuned – there’s always more bass to come!

 

PS: Übrigens habe ich jetzt noch mehr Warwick-Produkte hier rumliegen, und zwar einen Satz Warwick-Saiten. Werde ich demnächst ausprobieren & dann berichten …

70 WOW, WILFER! (Teil 1)

Ein Draht zu Warwick.

Im Frühjahr 2017 entschied ich mich dafür, einen Bass zusammenzuschrauben und darüber zu bloggen. Was das für Auswirkungen haben sollte, war damals für mich nicht absehbar. Klar, ich rechnete mindestens mit guten Erfahrungen. Vielleicht sogar mit einem guten Bass. Doch spätestens mit meiner Nominierung für die Goldenen Blogger 2017 und meiner Teilnahme an der Preisverleihungsgala im Januar 2018 merkte ich: War eine sehr gute Entscheidung. Denn auf einmal passieren ziemlich viele tolle Dinge. Und jetzt schon wieder.

Vor ein paar Monaten, im Spätsommer, bestellte ich mir endlich mal das T-Shirt ”BASSISTS AGAINST RACISTS”. Das gibt es seit ein paar Jahren im Online-Shop von Warwick zu kaufen. Als es bei mir ankam, zog ich es gleich an und freute mich.

Nur wenige Tage später bekam ich eine E-Mail vom Warwick Online-Shop. ”Ihre Meinung ist für uns wichtig!” – die übliche Feedback-Frage zum Einkaufserlebnis, ich war ja schließlich Erstbesteller und Neukunde. Aber in der Mail war kein Link zu einem Bewertungstool oder so, wie ich erst vermutet hatte. Ich wurde aufgefordert, einfach nur kurz folgende Fragen zu beantworten:

- Sind sie mit der Qualität des Produktes zufrieden?
- War die Verpackung in Ordnung?
- Was können/sollten wir verbessern? Wir bitten um Ihre Anregungen!

Das tat ich dann, kurz und knapp. Und sendete meine Antwortmail ab. Ziemlich schnell bekam ich erneut eine E-Mail mit einem Dankeschön für meine Antworten. Ich überflog die Mail kurz, sie enthielt ein paar Infos zu meinen Anmerkungen zum Look & Feel des Online-Shops – und dann stutzte ich, als ich Folgendes am Ende der E-Mail las:

Framus & Warwick GmbH & Co Music Equipment KG
H.P. Wilfer 13.09.2018, 14:32  
CEO

Ööööhm … What?

Der nächste Gedanke: ”Wow, Wilfer! Jetzt echt?” Der kurze Check der Absender-Mailadresse bestätigte es: Offensichtlich hatte ich eine Mail direkt von Warwick-Gründer und Bassbau-Legende Hans Peter Wilfer bekommen. Der sich offensichtlich selbst und höchstpersönlich um das Kundenfeedback seines Online-Shops kümmert. Ich war erstmal baff. Und dann aufgeregt.

Schließlich ist Warwick … Moment, da muss ich etwas ausholen.

In den 80er Jahren um die Welt.

Als ich Mitte der 1980er erst mit dem Gitarre- und wenig später mit dem Bassspielen anfing, gab es hauptsächlich folgende vier Möglichkeiten, sich über Instrumente und Technik etc. zu informieren: 1. andere Musiker, 2. lokale Musikgeschäfte (die gab’s da noch!), 3. Werbematerialien der Instrumentenhersteller sowie 4. Fachzeitschriften und Bücher.

Ich las vor allem Zeitschriften. Vor allem das FACHBLATT MUSIKMAGAZIN (Ich erinnere mich an einen süffisanten Kommentar von Slash in einem Interview: ”Wait … It’s called FUCKBLATT???”) brachte mir monatlich die ganze große Welt der Gitarren & Bässe ins Haus – und ich verschlang alle Infos. Ich las sogar die Schlagzeug-Testberichte, warum auch immer. Aber besonders aufmerksam wurde ich, wenn mal wieder was über Warwick zu lesen war. Was gar nicht so selten vorkam.

Warwick war damals – nur wenige Jahre nach der Gründung – schon die deutsche Edelbassmarke schlechthin. Und das auf internationaler Ebene. Außerdem spielten zwei meiner größten Bass-Helden in meiner Anfangszeit als E-Bassist Warwick-Modelle: Jack Bruce und John Entwistle.

So hat sich in mein Bassisten-Reptilienhirn auf ewig die Formel eingebrannt: deutscher Edelbass = Warwick. Es ist heute noch so, dass ich nur ”Warwick” denken muss – und sofort erscheinen abwechselnd zwei Modelle vor meinen zunehmend kurzsichtigen Augen: der Thumb und der Streamer Stage II.

Allerdings hatte ich über die Jahre & Jahrzehnte erstaunlicherweise nur äußerst selten die Gelegenheit, einen Warwick in die Hände zu nehmen und auszuprobieren. Was die magische Aura für mich nur noch verstärkte. (Lustigerweise habe ich just vor zwei Tagen mal wieder die Ehre gehabt: Ich war bei der Hausmesse von Musik Produktiv in Ibbenbüren – Bericht folgt – und fand einen sehr hübschen signierten Warwick Rockbass Fortress im Bassbereich des Ladens rumstehen.)

Tja, und seit einigen Jahren hängt hier bei mir ein anderes Stück original Warwick-Equipment rum … das einzige, was ich besitze:

😉

Gelegenheit & Schopf und so.

Und wie ging’s weiter?

Herr Wilfer und ich tauschten dann noch ein paar kurze Mails aus. Und ein paar Wochen später dachte ich: Es wäre ja wirklich unverzeihlich, diese Geschichte nicht für meinen Blog aufzubereiten, wenn ich jetzt schon so unverhofft zumindest per E-Mail einen direkten Draht zu Hans Peter Wilfer habe. Also fragte ich höflich bei ihm nach, ob er mir wohl eine Handvoll Fragen aus Perspektive meines Blogs beantworten würde …

Demnächst an dieser Stelle im 2. Teil von ”WOW, WILFER!”: Was hat H. P. Wilfer auf meine Anfrage geantwortet? Was für Fragen habe ich ihm dann geschrieben? Und was hat er mir dann darauf geantwortet? Und … hat sich mein Puls inzwischen wieder beruhigt? Stay tuned!

 

 

69 BLACK VS. BEAUTY (Teil 2)

What the hack?

Nach dem theoretischen Vorgeplänkel zum Thema Saitenwechseln beim E-Bass jetzt die praktische Fortsetzung – und die kurze Zusammenfassung & Wertung meiner weiteren Erfahrungen mit den DR Black Beauties.

Das Wechseln der Saiten funktionierte prima. Und wo ich schon mal dabei war und die alten Saiten runter waren, habe ich dann auch tatsächlich den Bass etwas gepflegt. Und eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

Wie ich Anfang des Jahres schon im ersten Fazit meines Schraubprojekts geschrieben hatte, war der geölte & gewachste Hals mittlerweile leider schon etwas angeschmuddelt. Muss man nicht schlimm finden, schön ist es aber auch nicht. Einer Eingebung folgend (was handwerklich gesehen bei mir zugegebenermaßen etwas riskant ist 😉 ) nahm ich mir mein Fläschchen Fender GUITAR Polish zur Hand, sprühte etwas davon auf einen Lappen, rieb damit die schmuddelige Halsrückseite ab – und dann mir die Augen (not!): Ich hatte den Schmutz plötzlich nicht mehr am Hals, sondern im Lappen!

Darüber hinaus fühlte sich der Hals auch wieder sehr angenehm flutschig an – nicht klebrig, nicht spackig und irgendwie wieder ”neu”. Begeisterung!

Auch ein, zwei andere Schmuddel-Stellen (z. B. im Bereich Brücke / Gurtknopf) erstrahlten auf diese Weise wieder in frischem Holzglanz. Ist das jetzt ein Bass-Life-Hack? Das Zeug ist ja eigentlich für lackierte Instrumente gedacht … Egal. Es funktioniert. Das reicht mir.

Jetzt schnell die tiefschwarzen Saiten aufgezogen und einen weiteren Trick verwenden, den mir mal ein Bassist auf Facebook gab: Die von oben eingehängten Saiten in der Brücke mit Krepp-Band fixieren, dann flutschen sie nicht dauernd raus. Cool!

Optisch echt super, die Saiten, oder?

Und der Sound?

Tja. Ich mach’s mal kurz: Erst herrschte auch hier Begeisterung über den schönen Klang der teuren Saiten. Saubere Bässe, rund, nicht so höhenbetont, aber schön ”schmatzig” und mit entspannt knurrenden Mitten und Tiefmitten.

Haptisch kam mir die schwarze Beschichtung etwas bremsend vor. Daran habe ich mich aber schnell gewöhnt. Auch im Proberaum setzte sich der Bass mit den neuen schwarzen Saiten schön durch.

Aber dann … 

Es dauerte leider gar nicht lang, nur wenige Wochen, da klangen die edlen Saiten gar nicht mehr edel. Und fühlten sich stumpf und tot an. So wie damals bei dem ersten, ursprünglichen Versuch. Und das bei beschichteten Saiten, die ja eigentlich länger halten sollten. What the heck???

Eine echte Enttäuschung. Ich habe die Saiten dann noch ein bisschen weiter gespielt; im Band-Kontext ging’s noch einigermaßen, aber der Fall war für mich klar: Das sind nicht die richtigen Saiten für meinen Schraubbass – und vielleicht sogar sowieso & überhaupt keine empfehlenswerten Saiten.

Schade. Optisch top, klanglich hopp. Letztendlich für die Tonne.

Wieder was gelernt! Aber welche Saiten kamen danach drauf? Und wie waren die? Und warum war ich dann im Sommer noch mal beim Sound Ranger in der Werkstatt? Und was ist eigentlich aus dem plötzlich tonlosen Fender Bassmann 135 geworden? Stay tuned! (Und jedes Mal, wenn ich das schreibe, macht die Autokorrektur ”tuend” daraus – passt aber auch.)